Geoffrey F. Miller: Die sexuelle Evolution - Partnerwahl und die Entstehung des Geistes (Spektrum Akademischer Verlag, 2001)

 

Der Ausgangspunkt von Millers Theorie ist eine Frage, die Anthropologen schon viel Kopfschmerzen bereitet hat: Wie lässt sich die Größenexplosion des menschlichen Gehirns erklären? In den knapp 2 Millionen Jahren, seit der Sapiens-Vorläufer Homo erectus die Bühne betrat, ist unser Denkorgan mit einer Größenzunahme auf das Dreifache förmlich explodiert. „Der Geist hat sich bei Mondschein entwickelt“, bringt Miller seine Erklärung dieses rätselhaften Phänomens auf den Punkt - und meint damit Folgendes: Die beiden Partner im „Reproduktionsunternehmen Familie“ mussten einander nicht nur gewinnen, sondern auch halten. Und dafür mussten sie füreinander nicht nur körperlich attraktiv sein, sondern vielmehr auf alle Bedürfnisse des anderen eingehen können – einschließlich dem nach geistiger Stimulation. Miller sieht im Geist eine Art Unterhaltungssystem mit der Aufgabe, das Hirn der bzw. des Geliebten zufriedenzustellen. Das Großhirn wäre damit letztlich nichts anderes als ein sexuelles Ornament, und unser Verstand, unsere Sprachmächtigkeit, letztlich unsere ganze Kultur - geboren aus dem Zwang zur Werbung.

Die These lässt sich natürlich nicht beweisen; aber das hat sie mit allen anderen Theorien der Hirnentwicklung gemeinsam. Das stärkste Argument für Millers Hypothese ist sicher die extreme Geschwindigkeit des Hirnwachstums, hinter dem ein gewaltiger Selektionsdruck stehen musste, der durch natürliche Anforderungen, etwa Umweltveränderungen, kaum zu erklären ist, sondern - wie jedes Ornament, das schnell und immer schneller auffälliger wird - nach einer Erklärung durch Partnerwahl geradezu schreit (das Hirn wäre damit so etwas wie das Lehrbuchbeispiel eines durch einen „Selbstläuferprozess“ entstandenen Ornamentes).

Eine von Genetikern der Universität Ulm durchgeführte Studie gibt Millers These Schützenhilfe. Das Team um Ulrich Zechner und Horst Hameister ging darin der Frage nach dem Unterschied in der Intelligenzverteilung zwischen Mann und Frau nach - obwohl beide Geschlechter im Durchschnitt gleich intelligent sind, streuen die IQ-Werte der Männer weitaus stärker als die der Frauen: sowohl unter den Schwachsinnigen als auch unter den Genies sind die Männer deutlich überrepräsentiert. Nach der Ulmer Studie lässt sich dies dadurch erklären, dass sich auffällig viele der für die Intelligenz verantwortlichen Gene auf dem X-Chromosom befinden (welches eigentlich nur 4% der menschlichen Erbinformation enthält): Da der Mann nur über ein einziges X-Chromosom verfügt, wirken sich hier Genmutationen stärker aus – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Die Anhäufung von Intelligenz-Genen auf dem X-Chromosom werten die Forscher, ganz im Miller’schen Sinn, als Hinweis auf das Wirken der sexuellen Selektion: Die Frauen unserer Vorfahren waren möglicherweise von den intelligenzsteigernden X-chromosomalen Mutationen bei den entsprechenden Männern so angetan, dass sie diesen mehr Nachkommen schenkten, wodurch sich die Mutationen dann schnell im Genpool ausbreiteten.

Nach dem Biologen David Houle von der Universität in Tallahassee ließe sich die Anreicherung von Intelligenzgenen auf dem X-Chromosom jedoch auch schlichtweg dadurch erklären, dass die mit einer intelligenzsteigernden Mutation gesegneten Männer einen Vorteil in der Konkurrenz um knappe Ressourcen hatten.

 

Einwände gegen Millers Theorie gibt es natürlich zuhauf. Richard Dawkins etwa gibt zu bedenken, dass sich geistige Fähigkeiten genauso gut deshalb entwickelt haben könnten, um die Mitmenschen beim Zugang zu Macht und Reichtum auszustechen – die Größenzunahme des Gehirns würde demnach dem Zweck dienen, dass sich Menschen auf immer ausgefallenere Art gegenseitig betrügen bzw. den Betrug besser erkennen können.

Auch die Tatsache, dass Kreativität immer noch eher die Ausnahme als die Regel ist, spricht nicht unbedingt für einen „Runaway“-Spurt hin zum brillanten Künstlertyp. Auch die sexuellen Vorlieben der Menschen scheinen nicht unbedingt auf Dichter und Denker (zumindest, wenn sie nicht Ferrari fahren) gepolt zu sein (was schon Ovid zu der bitteren Bemerkung veranlasste: „Die Mädchen loben ein Gedicht, aber sie sind auf teure Geschenke aus“).

Eine neuere Studie von Geoffrey Miller selbst (Miller & Haselton, im Druck) scheint Ovids Befund zwar zu widersprechen – demnach bevorzugen Frauen an ihren fruchtbaren Tagen Männer, die als „creative but poor" charakterisiert wurden, gegenüber solchen, die nur das Attribut „reich“ trugen. Trotzdem wird die These vom „Mondenschein“, bei dem angeblich der menschliche Geist entstand, noch viele harte Daten brauchen, bevor sie den Status einer Spekulation verliert.

Nichtsdestotrotz ist Millers Werk wegen seiner brillanten Diskussion der Theorien der sexuellen Selektion eines der empfehlenswertesten Bücher zur Evolutionstheorie.

 

 

 

 

 

 

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