Schönheitsdoping per Knopfdruck (15.8.06)

Das menschliche Gesicht ist das meistfotografierte Objekt auf Erden. Und seit es Fotografie gibt, wird ihr Ergebnis geschönt – einst mit Pinsel und Radiergummi, heute per Mausclick. Der moderne Mensch lebt buchstäblich in einer digitalen Märchenwelt: Von Plakaten, Zeitschriftencovers oder auch im Film blicken uns Gesichter an, die allesamt am Computer daraufhin getrimmt wurden, unseren Schönheitsnerv noch besser zu treffen. (Ob diese in der Geschichte der Menschheit einzigartige Dauerstimulation durch schöne Artgenossen uns am Ende unglücklich macht, wird in meinem Buch auf den Seiten 282ff diskutiert)

Das Arsenal der digitalen Schönheitsverbesserung wird sich möglicherweise bald um eine hochpotente Waffe erweitern. Der Computerspezialist Tommer Leyvand und sein Team von der Universität Tel Aviv haben soeben auf einer Konferenz für Computergrafik in Boston ein Programm vorgestellt, mit dem sich Gesichter vollautomatisch verschönern lassen, ganz ohne die bisher übliche Fummelei mit der Computermaus.

Die Software baut auf einem ebenfalls an der Universität von Tel Aviv entwickelten Programm auf, mit dessen Hilfe sich die Attraktivität eines Gesichtes bestimmen lässt (Eisenthal et al. 2004, Leser meines Buches kennen es von S. 34): Die Entwickler dieser „Schönheitserkennungs-Software“ hatten ihren Computer mit unterschiedlich attraktiven Frauengesichtern gefüttert und den dazugehörigen, von einer Jury ermittelten Attraktivitätswerten. Daraus extrahierte der Computer in einem komplizierten statistischen Verfahren eine Art „Schönheitsalgorithmus“, anhand dessen er nun jedes neue Bild analysiert. Die Übereinstimmung mit menschlicher Schönheitsbewertung ist erstaunlich hoch (wenn auch die Schlussfolgerung der Autoren, sie hätten mit ihrem Programm „bewiesen“, dass Schönheit ein „universales Konzept“ sei, naiv (und schlichtweg falsch) ist – schließlich reproduziert die Maschine nur die Schönheitsstandards ihrer Herren und Meister).

Das neue Programm von Tommer Leyvand geht nun einen Schritt weiter - von der automatischen Schönheitserkennung zur automatischen Schönheitsverbesserung. Sein Ziel ist es, ein Gesicht so zu verändern, dass es zwar als schöner wahrgenommen wird, aber trotzdem dem Originalgesicht so ähnlich sieht wie nur möglich.

Eine streng wissenschaftliche Auswertung der von der Maschine erzielten Resultate steht noch aus, aber die von den Autoren veröffentlichen Auswahlbilder zeigen, dass Leyvands Team auf dem richtigen Weg ist.
 

Wer das in meinem Buch in Kapitel 2 diskutierte „Alfabet der Schönheit“ kennt, kann sofort erkennen, dass Leyvands Programm offenbar eine ganze Reihe von Schönheitsmechanismen anzapft: So hat es etwa das Originalgesicht (links) leicht verschmälert, ihm etwas vollere Lippen verpasst und zu mehr Symmetrie verholfen (gut sichtbar an den Augenbrauen). Vor allem aber hat es die vertikalen Proportionen verschoben: Die Stirn der verschönerten Version ist höher, die Kinnpartie niedriger – womit das Gesicht „verkindlicht“ wurde, und damit als weiblicher und attraktiver wahrgenommen wird (mehr dazu auf S. 55ff).

Wie man an den entsprechenden Testbildern sieht, tut sich das Programm mit Männergesichtern offenbar schwerer – ganz wie dies aufgrund der Erkenntnisse der Attraktivitätsforschung über die widersprüchlichere Natur der männlichen Schönheit (im Buch S. 65ff) auch zu erwarten ist.

Eine verbesserte Version des Programms gibt dem Nutzer die Möglichkeit, den Grad der Verschönerung (bzw. der Ähnlichkeit zum Original) selbst zu bestimmen. Die Veränderungen lassen sich jetzt auch auf bestimmte Aspekte (etwa die Breite der Nase) konzentrieren, andere Aspekte können von Veränderungen ausgeschlossen werden („Originallippen erhalten“).

Leyvands Programm könnte noch von sich hören machen – vielleicht weniger im Bereich der professionellen Werbung, sondern vor allem als kleines, mehr oder weniger feines Hilfsmittelchen bei der alltäglichen Selbstvermarktung via Bewerbungsmappe, Single-Börse oder Chatroom. Soviel ist jedenfalls klar: unsere Welt wird noch mehr zur Märchenwelt.

 

Ressourcen:

Kurzpräsentation des Programms als PDF

Leyvands Website zum Thema digitale Schönheitsverbesserung

Wissenschaftliche Publikation zum „Schönheitserkennungs“-Programm, auf dem Leyvands Software basiert: Eisenthal, Y, Dror, G, Ruppin, E (2004). Facial Attractiveness: Beauty and the Machine. Neural Computation, 18(1), 119-142.
Abstract:
http://www.ncbi.nlm...
Volltext:
http://mitpress.mit.edu...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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